So war es nicht! Gegen die Ausgrenzung gesellschaftlicher Opposition durch Polizei und Teile der Medien

Antikap Block vor der Kesselung

Wir, politisch und sozial aktive Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet und TeilnehmerInnen der Demonstration des Blockupy-Bündnisses am 01.06.2013 in Frankfurt am Main, sehen uns angesichts der Darstellung der Polizei und ihrer teilweise immer noch unkritischen Verbreitung zu einer Stellungnahme veranlasst.

Wir widersprechen den Klischees, wonach die Polizei durch einige „Chaoten“ und „Randalierer“ gezwungen gewesen sei, Maßnahmen zur Herstellung von öffentlicher Ordnung, Gesetz und Sicherheit zu ergreifen. Auch wenn sich erfreulicherweise viele Tageszeitungen diesem Tenor nicht anschließen, droht vor allem durch Verlautbarungen der Polizei und deren unkritische Verbreitung in Teilen der Öffentlichkeit doch wieder dieses Bild zu entstehen. Aber es entspricht nicht den Tatsachen.

Wir, die VerfasserInnen und UnterzeichnerInnen dieses Briefes, haben an unterschiedlichen Orten an der Demonstration teilgenommen und über Stunden das Geschehen direkt verfolgt und teilweise dokumentiert.

Wir halten fest:

  • Der „schwarze“ Block war bunt.
  • Die „Vermummung“ bestand vor allem aus Sonnenbrillen und Regenschirmen.
  • Der unmittelbare Vorwand der Einkesselung von über 1000 Personen über insgesamt 9 Stunden war das Abbrennen von 3 bengalischen Feuern.
  • Der Vorwurf der „passiven Bewaffnung“ ist aberwitzig und – wie Urteile aus Berlin bereits zeigen – unendlich dehnbar. Schon der Ausdruck „passive Bewaffnung“ verdreht die Tatsachen: ein Styropor-Schild beispielsweise ist ein Schutz, keine Waffe.
  • Im Blockupy-Bündnis bestand erklärtermaßen Konsens, dass von den DemonstrantInnen keine Eskalation ausgehen sollte – entsprechend verhielten sich die DemonstrantInnen, und zwar sowohl außerhalb wie innerhalb des Polizeikessels.
  • Dagegen war das Verhalten vieler PolizistInnen in hohem Maße übergriffig und unmittelbar körperverletzend.
  • Polizeitrupps sind mehrfach (wie auch schon am Vortag) in die stehende Menschenmenge hineingestürmt und haben DemonstrantInnen überrannt und niedergeworfen.
  • Vor unseren Augen ist Menschen ohne Vorwarnung, ohne Beteiligung an einer Rangelei o.ä. und ohne, dass eine Gefahrensituation vorgelegen hätte, Pfefferspray aus unmittelbarer Nähe direkt ins Gesicht gesprüht worden (über die Erblindungsrate der Pfefferspray-Wirkung wird derzeit diskutiert).
  • Vor unseren Augen sind wehrlose DemonstrantInnen misshandelt worden, indem ihnen bspw. der Kopf nach hinten gezogen und Mund und Nase zugehalten worden ist. Einige brachen daraufhin zusammen. Sie sind nur Dank der Initiative von TeilnehmerInnen der Demonstration versorgt worden.
  • Vor unseren Augen ist Menschen, die an Armen und Beinen zur Personalienfeststellung davon getragen wurden, von den sie tragenden Polizisten in die Seite und in den Unterleib getreten worden.
  • Vor unseren Augen wurde Menschen der Hals verdreht und die Arme verrenkt..
  • Vor unseren Augen erhielten Menschen, die sitzenblieben, als sie von der Polizei aufgefordert wurden, aufzustehen, ohne Vorwarnung Faustschläge mit Protektorenhandschuhen ins Gesicht.
  • Die so vorgehenden PolizistInnen waren vermummt und insgesamt gibt es weder Namens* noch Nummerkennzeichnungen, so dass weder die Betroffenen noch wir als ZeugInnen die Möglichkeit hatten, diejenigen PolizistInnen zu identifizieren, die brutale körperliche Gewalt gegen Personen offenbar für ihre Dienstaufgabe halten.

Es geht hier nicht nur um das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstration. Darüber hinaus geht es um das Recht auf körperliche Unversehrtheit derjenigen, die sich für gesellschaftliche Veränderungen engagieren und demonstrieren. Auf der Demonstration insgesamt, und insbesondere unter den betroffenen Eingekesselten und Verletzten, finden sich viele junge Menschen, jene also, die bekanntermaßen von den aktuellen sozialen Entwicklungen in Europa (Stichwort Jugendarbeitslosigkeit) besonders hart getroffen sind. Diese jungen Menschen – und mit ihnen viele andere Demonstrierende – auf das Klischee der irrationalen Störer zu reduzieren, ist nicht nur konkret unangemessen, es ist insgesamt politisch fahrlässig. Es verunglimpft Menschen, die sich um die krisenhaften Entwicklungen in unseren Gesellschaften in Europa sorgen und die sich deshalb engagieren. Und es behindert und diffamiert die dringend notwendige gesellschaftliche Debatte über eine Neuausrichtung der europäischen Politik in der Perspektive sozialer Partizipation und demokratischer Inklusion.

UnterzeichnerInnen:

  • Dr. Stefanie Hürtgen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main.
  • Dr. Isolde Ludwig, Mitarbeiterin des DGB-Bildungswerks Hessen
  • Dr. Thomas Sablowski, Mitarbeiter des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung
  • Dr. Nadja Rakowitz, Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte.
  • Kirsten Huckenbeck, Redakteurin und Lektorin, Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Frankfurt am Main, Bildungsreferentin
  • Dr. Margit Rodrian Pfennig, Goethe Universität Frankfurt am Main.
  • Michael Hintz, Buchhändler und Lehrbeauftragter an der Europäischen Akademie der Arbeit und der Fachhochschule Frankfurt am Main.
  • Michael Burbach, Frankfurt.
  • Kristina Weggenmann, Diplompädagogin
  • Dr. Bernhard Winter, Mitglied des Vorstands des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte.
  • Ralf Kliche, Lehrer an der Schule für Erwachsene Dreieich.
  • Dr. Jürgen Behre, Maintal.
  • Martin Dörrlamm, Sozialarbeiter Frankfurt am Main.
  • Edgar Weick, Frankfurt
  • Hagen Kopp, Aktivist der Gruppe „kein mensch ist illegal“, Hanau.
  • Katharina Vester, Frankfurt am Main.
  • Petra Scharf, Mitglied im Ortsbeirat 6, Frankfurt am Main.
  • Tilo Podstatny-Scharf, Frankfurt am Main.
  • Tino Petzold, Goethe-Universität Frankfurt.
  • Dr. Sebastian Schipper, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Humangeographie Frankfurt/Main
  • Dr. Christian Scholl, Université Catolique de Louvain
  • Dr. Claudia Wucherpfennig, Frankfurt a.M.
  • Maja Volland, Universität Marburg – Institut für Politikwissenschaft, Lehrstuhl für Internationale Beziehungen
  • Maren Kirchhoff, Wissenschaftliche Hilfskraft, Institut für Politikwissenschaft, Universität Marburg
  • Achim Lotz, Die LINKE, KV Frankfurt
  • Christian Becker,  Geschäftsführer Arbeit und Leben Franfurt/M
  • Mathias Rodatz, Institut für Humangeographie, Universität Frankfurt, Engagierte Wissenschaft e.V., Leipzig
  • Dr. Andreas Wulf, medico international
  • Heike Rösch, Diplom Sozialpädagogin, Bereichsleiterin Jugendhilfe an Schulen
  • Ulrich Raiss, Frankfurt am Main
  • Dr. Brigitta Simbürger, Dozentin und Lehrbeauftragte Frankfurt am Main.
  • Marion Funk, Gesundheits- und Sozialökonomin, Stadt Frankfurt
  • Walburg Werner, Tübingen
  • Johannes Winter, Frankfurt
  • Fabian Rehm, Gewerkschaftssekretär, ver.di Hessen
  • Pfarrer Dr. Hans Christoph Stoodt, Frankfurt, Anti-Nazi-Koordination
  • Dr. med. Michael Wilk, Wiesbaden
  • Tim Gerike, Darmstadt, Redaktion der Rote Hilfe Zeitung (RHZ)
  • Dieter Hooge (ehem. Landesvorsitzender des hessischen DGB), Frankfurt
  • Susanne Bötte, Frankfurt.
  • Katinka Poensgen, IG Metall.
  • Petra Laubenstein, Frankfurt
  • Wolfgang Barth, Frankfurt.
  • Johannes Maser, AG Sozialpsychologie der Phillips-Universität Marburg.
  • PD Dr. Johannes Becker, Geschäftsführer des Zentrums für Konfliktforschung der Philips-Universität Marburg.