Der Tag dazwischen: nach Syntagma, vor dem OXI

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Es ist Samstag. Es ist der Tag nach der großen Versammlung und der Tag vor der Entscheidung. Wir versuchen dem zu entkommen, was uns alle gestern auf dem Syntagma überwältigt hat. Es waren gestern in den frühen Abendstunden nicht nur Abertausende zusammengekommen, sondern tatsächlich strömte zusammen, was sonst für sich lebt, in seiner jeweils eigenen Welt, mit seinen Sorgen und Wünschen. Es war das ganze einfache Leben, was gestern gemeinsam Mut fasste, sich zu verweigern. Junge Leute, Familien mit Kindern, küssende Pärchen, Intellektuelle, Arbeiter_innen, Arbeitslose, Rentner und Retnerinnen. Ein Querschnitt durch die griechische Gesellschaft, allerdings mit einem deutlichen und sichtbaren Punkt: Viele waren gekommen, denen man ansah, dass sie eher arm sind, dass sie ganz arm sind, dass sie vielleicht sogar gar nicht wirklich „politisch“ sind, dass es ihnen auch nicht um SYRIZA geht, sondern allein darum, dass sie so nicht mehr weiter wollen: common people. Das ist es, was uns wirklich fasziniert hat, weil sich mit ihnen und durch sie außerhalb der etablierten medialen Öffentlichkeit eine Gegenhegemonie öffnete, die sich, und jetzt wird es für unsere linke deutsche Fantasie noch bizarrer, in diesem Moment ausdrücklich im Einklang mit einer Regierung versammelte. Denn das besondere dieser großen Menge war nicht nur ihre friedliche Wut, sondern auch ihre unmittelbare Popularität, der populus, das „Volk“ war zusammengeströmt. Und die Versammelten sahen sich und vergewisserten sich, dass sie nicht alleine sind, dass sie viele sind, dass sie gesehen werden. Denn die etablierte mediale Öffentlichkeit, die privaten Fernsehkanäle machten nur die Anderen sichtbar. Die Klasse des „JA“ im fußläufig entfernten Olympiastadium war live on air und der wiedereröffnete Staatssender ERT konnte aus Neutralitätsgründen nicht übertragen. Das eigentliche Ereignis der Hundertausenden hatte außer den sozialen Medien nur das kollektive human microphone: „Oxi?“, „Oxi!“.

Das alleine wäre schon viel, aber es ist noch nicht alles.

Denn hinzukommt eine Regierung, die regiert und zugleich demonstriert, die alle Regeln des Politikbetriebs unterbricht, nicht nur aber besonders des griechischen. Etwa wenn Alexis Tsipras von seinen eigenen Ministern in Form einer Demonstration vom Präsidentenpalast abgeholt wird, wenn die Parteispitze von Syriza dann auf den Platz kommt, wenn grauhaarige Minister die Schlachtrufe linker Fußballvereine skandieren und das „Oxi“ rufen und alle, wirklich alle in der Menge strahlen, wenn sie Alexis Tsipras sehen, wenn er winkt oder sie anlächelt. Wir, die in der horizontalen Politik der Plätze geschulte Bewegungslinke zucken dann etwas zurück und spüren dennoch, wie wir angesteckt werden. Erleben wir gerade eine europäische Variante des Bolivarismus? Müssen wir misstrauisch bleiben oder sind wir schon verwandelt? Wir wissen es nicht, wir ahnen nur eins: Das Ereignis gestern auf dem Syntagma im Herzen Athens, die Woche des Oxi und der Kampf der noch nicht geschlagenen Syriza-Regierung ist vielleicht das größte, was die Linke in Westeuropa seit Portugal 1974 erlebt. Morgen ist der Tag der Entscheidung, die nicht die letzte sein wird…

„Wer bist denn du?“, fragte die Raupe.
„Nun ja“, antwortete Alice, „ich weiß es selbst kaum. Ich habe mich seit heute morgen schon mehrmals verändert.“
„Erkläre dich!“, entgegnete die Raupe streng.
„Ich kann mich nicht erklären, denn ich bin gar nicht ich“.
(Alice im Wunderland, Lewis Carroll)